Die Nachfolger, gefangen in der Unendlichkeit

Mit schrecklicker Normalität beginnt jener Morgen – wie jeder dieser Gattung – Mittwoch früh, irgendwann vor um sieben, in einer öffentlichen Straßenbahn meines lokalen öffentlichen-Personennahverkehr-Betreibers. Gut betankt mit dem vergötterten Bohnengetränk, das sich jetzt in irgendeiner Weise noch bemüßigt fühlen sollte, das enthaltenene Aufputschmittel die enthaltene Start-in-den-Tag-Droge in die Blutbahn abzugeben. Bevor man überhaupt dazu kommt, daran zu denken, wie lange denn die Halbwertszeit von Koffein ist, und warum man eigentlich immer noch nicht im Großhandel die vergrößerte Variante der Familienpackung Kaffeepulver erworben hat, beginnt schon beim gemeinschaftlichen Warten an der Haltestelle mit Leuten, die man jeden Morgen sieht, aber nicht kennt – und unter Umständen gar nicht kennen lernen will – eine Form des Anfalls von gesellschaftskritischem Denken, oder zumindest ein Ansatz dessen; im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten vor 7 Uhr.

Mit einer gewissen Kontinuität lässt sich fast jeden Morgen die selbe junge (oder ihrem Kleidungsstil nach zumindest junggebliebene) Dame beobachten, welche offensichtlich in ihrer Vergangenheit einer Tochter zur Welt brachte, die nun immerhin schon laufen kann. Selbiges Wesen scheint für ihr Alter entsprechend normale Einschränkungen in der Assimilation an die morgendliche allgemeine Stimmung aufzuweisen. Während dieser zumeist in rosa gekleidete, lebendige Organismus also wild im Wartehäuschen umherspringt oder undefinierbare Laute von sich gibt, ist die Mutter davon offensichtlich weniger begeistert. Nun ist es verständlich, dass ein normaler Mensch zur Äußerung von emotionalen Erlebnissen jenseits von Hass und Zwietracht um diese Tageszeit nicht befähigt ist, aber das Verhalten der Mutter ist apathischer als jenes der anderen Koffeinleichen im Umkreis: während ihre gut gelaunte, kleine Tochter um sie springt, streichelt sie statt ihrer Tochter lieber ihr elektronisches Zepter in der Hand.

Kein Einzelfall, wie ich im weiteren Streckenverlauf der Bahn niederschmetternd feststellen musste. Hatte man doch bisher die leise Hoffnung, der Mensch könne mit der ihm gegebenen Technologie soweit umgehen, dass das Sozialempfinden darunter nicht leidet, so hat man die Gegendarstellung nun farbig und in 3D. Wozu braucht man denn Unterhaltungen, wenn man in der Kantine auch nebeneinander sitzen kann, vor einem das Plastiktablett mit der nahrungsähnlichen Mahlzeit, links davon die subventionierte Wasserflasche und rechts davon das Smartphone? Gemütsverdunkelt ließe sich behaupten, dass jeder Kantinentisch eine eigene Whatsappgruppe verdient. Das fördert bei manchen Zeitgenossen die Kommunikation enorm.

Natürlich ist das überspitzt dargestellt, aber erscheint mir irgendwie wieder nicht mal mehr abwegig. Selbst bin ich in einer Zeit geboren worden, in der Telefonie und Internet etwas waren, was man nur nacheinander, aber nie nebeneinander nutzen konnte, und jeden Sonntag die Einwahl dank lokalem Netzbetreiber und freien Ortsgesprächen kostenfrei war. Zeit, um mal Updates für Windows 2000 oder XP SP1 herunterzuladen. Meine Eltern hatten noch Zeitungen, die zwar etwas ähnlich anti-soziales hatten, aber doch irgendwie greifbar waren – einerseits laß mein Vater gefühlt fast immer, wenn ich mal etwas von ihm wollte, aber irgendwo wusste ich auch, was er da tut und konnte es monieren. Es war mir ja möglich, seine Handlung (lesen) auf ein Objekt (die Zeitung) zu projezieren, welches er aus einem bestimmten Grund (Interesse an den Inhalten) nutzte. Und die Zeitung war kein ständiger Begleiter, ich kannte ihn also auch ohne Anwesenheit des Papierungetüms im Rheinischen Format. Viele Kinder kennen ihre Eltern nicht ohne den ständigen Begleiter, und wissen auch nicht so wirklich, was die Eltern da tun. Überweisungen, Aktienhandel, Einkäufe, Mails, Spiele oder Wetter – was genau, sieht man ja nicht. Mangels Auffassungsgabe und Lesevermögen auch für die meisten Kleinkinder nicht greifbar. Ergo ist die verminderte Aufmerksamkeit für den eigenen Nachwuchs für alle im Umkreis sonderlich, aber nicht für Nachwuchs und Eltern selbst – die es aus nachvollziehbaren Gründen entweder nicht anders kennen, oder nicht anders wollen.

Was dadurch entsteht, liegt auf der Hand: die Kinder lernen es von ihren Hauptvorbildern als normal kennen, zu telefonieren und zu surfen, wenn man gerade seinen geistigen Leerlauf in der Straßenbahn kompensieren sollte, statt soziale Interaktionen durchzufügen – Mutti macht das ja auch so. Ob der fehlende Blickkontakt, welcher ja zwischen Eltern und Kind oft entsteht, und sämtliche andere ausbleibende Kommunikationsformen Auswirkungen auf die Entwicklung haben, vermag ich nicht zu beurteilen. In der Metropole Frankfurt am Main jedenfalls hat man das Problem erkannt, und beginnt ganz analog Abhilfe zu schaffen: Plakate, welche die Eltern bitten, doch mal mit ihrem Kind zu reden, wurden dort aufgehangen. Vielleicht ein richtiger Schritt in eine Richtung, in der Kindern nicht wie so oft zu unsensibel eines dieser Geräte überantwortet wird, ohne dabei ein gewisses Verständnis entstehen zu lassen, was sie dort eigentlich nutzen. Wenn dort nie eine Sensibilisierung stattfindet, verliert sich dann die Interaktion, wie man sie von „früher“ kennt? Mögen die angewandten Ausdrücke „LOL“, „ROFL“ und „WTF“ erste Vorboten sein, dass da ein Wandel ansteht. Ein Wandel, der vielleicht nicht allen gefällt, aber über Dinge, die man nicht kennt, beschwert man sich auch nicht. Bevor ich mich darin verliere: blutdrucktreibende Aufregung über die aktuell amtierende Generation „Z“ ist eine Sache, die einen eigenen Artikel verdient hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.