Seit einer Weile ist es nun in die Mode gekommen, dass besonders junge Damen (und auch solche, die sich noch jung fühlen) als wichtigstes Werkzeug in der Straßenbahn ihr Smartphone mit sich führen. Schaut man früh in deren Gesichter, möchte man dieses Personen nicht näher kennen lernen, da das Gesicht ja bekanntlich der Spiegel der Seele sein soll – wenngleich auch bei ausreichend vielen Weiblichkeiten das eigentliche Gesicht von diversen Schönheitsverschlimmbesserungen verdeckt wird. Natürlich trifft das nicht auf alle Frauen zu, aber auf einen größeren Anteil derer, die ich häufiger sehen darf.

Früher habe ich mich immer über die kommunikationsbedürftigen Mittfuffziger aufgeregt, die lautstark in der Bahn mit Kindern und Enkeln telefonieren mussten. Heute telefoniert man nicht mehr, trägt sein Handy nicht mehr am Ohr: das Display darf nun die Sonne wieder sehen.

Montag Nachmittag, hinterster Straßenbahnteil. Eine etwa 30-jährige Frau mit gemalten Augenbrauen und weit geöffneten blauen Augen starrt aus dem Fenster. Die dunkelblonden Haare sind zu einem Dutt zusammengebunden, ein großes Stofftuch ist um ihren Hals gelegt. Ihr linker Arm ist lässig auf einen Vorsprung der Bahnwand gelegt, ihre Hand hängt schlaff daran. Ein kurzer Ton. Die Frau verändert ihre Miene schlagartig, lächelt, schaut auf ihr Smartphone. Meine Vermutung ist, dass ihr neustes Date sie gerade angeschrieben hat; bestätigen kann ich das aber nicht. Sie hält sich ihr Handy (oder eben Smartphone) nun ans Ohr, allerdings zu meiner Verwunderung, ohne zu sprechen – ah, sie hat also eine WhatsApp-Sprachnachricht erhalten. Weiterhin sichtlich erfreut lauscht sie eben jener Nachricht, um dann den mobilen Telefonieapparat wieder vom Ohr zu entfernen und sich das Handy vor den Mund zu halten. Nein, nicht an das Ohr. Sie spricht in das Telefon, welches leicht schräg und leicht nach links gerichtet vor ihrem Mund gehalten wird. So, wie ein Diktiergerät eines Reporters bei einem Politiker, der während er läuft eine Aussage tätigt. Dazu gehört immer der obligatorische Daumen auf dem Touchscreen, der die Aufnahme aktiv hält. Während das nicht-männliche Wesen in sein Handy spricht, bewegt es seine vorher noch schlaffe Hand. Immer mal wieder wird der Zeigefinger abgespreizt und anschließend wieder entspannt.

Dieses Szenerie wiederholte sich auf meiner etwa 40 Minuten andauernden Bahnfahrt oft genug, und das nicht nur bei der besagten Frau. Besonders jüngere Personen, gleich welchen Geschlechts, folgten diesem Trend. Quasi telefonieren, nur ohne den Partner gleich hören zu können. Half-Duplex-Telefonie. Während der eine spricht, kann der andere seine Äußerungen nicht wahrnehmen. Die gesprochene Nachricht muss erst das Internet passieren, und bei der anderen Partei wieder heruntergeladen worden sein und angehört werden. Erst dann kann das gleiche Spiel in die andere Richtung passieren. Mit Fug und Recht darf man behaupten, dass WhatsApp neben einem SMS-Ersatz nun auch ein Telefonieersatz mit geviertelter Produktivität geworden ist. Warum?

Meine Erklärungstheorie ist Faulheit. Statt gezwungenermaßen seine Meinung in Worte zu fassen und diese dann in ein Textfeld zu tippen, darf der Nutzer sich nun mit „äääääh“s und „wie ich schon sagtes“s seine (kostenfreie) Sprechzeit auffüllen. Füllwörter zum Nulltarif, quasi. Und spätestens seit der Übernahme von „LOL“ und „WTF“ in den Alltagssprachgebrauch ist ja die Verwendung von Textnachrichten hinfällig geworden – diese Abkürzungen, die nun schon zu Wörtern mutiert sind, werden nun unverblümt eingesetzt. Tolle neue Welt.

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