Na klar, Englisch muss unsere Verwaltungssprache werden. Warum bitte das? Warum soll sich ein Land nicht zu seiner Amtssprache bekennen? Ich gebe offen zu, dass Deutsch keine einfache Sprache ist. Eigentlich könnte Englisch allen (unfreiwilligen) Verachtern der deutschen Sprache nur helfen, denn der Apostroph hinter dem Namen und vor dem „s“ hat auf einmal seine Richtigkeit – Andrea kann „Andrea’s Getränke Markt“ so nennen, denn faktisch ist das schon englische Grammatik – der Apostroph, das durch Leerzeichen getrennte zusammengesetzte Substantiv…

Es ist wie eine Seuche. Jeder bekommt es, die Übertragung ist unklar, die Symptome immer gleich – plenken, Deppenleerzeichen und ähnliche Verbrechen.
Ich verlange ja von niemandem, dass er perfekt Deutsch kann. Selbst in diesem Blog sind genug Beispiele dafür zu finden, wie man die deutsche Sprache misshandeln kann. Aber der Reihe nach:

Vor langer Zeit, also genau genommen zu einer Zeit, als ein einzelner Vokal noch eine eigenständige Silbe war (E-le-fant) und man in der Grundschule noch lernte,
die Silbentrennung durch Klatschen zur parallelen mündlichen Äußerung des zu bearbeitenden Wortes selbst zu entdecken, ja sozusagen noch ein logisch und sprachlich verständlicher Regelsatz zur Silbentrennung verfügbar war, den man ganz simpel anwenden konnte, da fing alles an. Ich möchte nicht wissen, wie viele Reformen es seit dieser Zeit gab. Jedoch musste ich mich, die Umstände spielen keine Rolle, mit der Muttersprache meiner selbst auseinandersetzen, und lernte sie lieben. Was nach einer blumigen Romanze klingt, nahm seinen Lauf jedoch zu einer alsbaldigen Wendung – auch wenn ich das Spiel mit den Synonymen zu meinen engen Vertrauten zählte, überkam mich die Zeitepoche, wo das westlichere Englisch einfach moderner oder wichtiger erschien – letzteres ist in der IT natürlich ohne Frage durch die enorme Verbreitung eindeutig belegt. Wenn man die Originalversionen von Spielfilmen sieht, ist das ohne Frage etwas anderes, als die teils geschönte, deutsche Version zu sehen – „fuck“ ist als Wort
einfach dominanter. Lange Zeit ging es mir, wie vielen Freunden – wir alle lernten Englisch in unserer Freizeit immer besser dadurch, dass wir es einfach anwenden mussten. Weil es Weltsprache ist. Weil es modern ist. Weil man modern sein möchte.

Wobei – will man das überhaupt? Wer definiert, was modern ist? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Für meinen Teil war der erste Gedanke, dass man anhand neuerer Produkte, beispielsweise im IT-Sektor, sehen kann, was aktuell und damit modern ist. Nach jeder Messe ändert sich meist die Moderne ein Wenig. Aber – eine Ebene tiefer wären da noch die Produktentwickler, die etwas erfinden und entwicklen – bestimmen die nicht damit, was modern ist? Oder sind es die Kunden, die ein neues Produkt akzeptieren? Zu dieser Frage ein allgemeingültiges Urteil zu geben, überschreitet meine Kompetenzen als Normalbürger, der gern mal etwas über seine Umgebung nachdenkt. Dennoch sollte jeder für sich selbst einmal darüber nachdenken.

Vor etwa zwei Jahren verlies ich den Modus, die deutsche Sprache beiläufig zu akzeptieren, und begann mich tiefer damit zu beschäftigen. Nicht zuletzt, um meiner Umwelt dadurch negativ aufzufallen, mit drei Sätzen etwas mehr als ein Drittel einer A4-Seite zu füllen. Wer den Rubicon bei mir überschreitet, bekommt das auf so eine Art und Weise für meine Begriffe nett mitgeteilt – der Rückmeldung zufolge habe ich mit meiner Absicht ins Schwarze getroffen, denn die Leserin hatte etwas damit zu kämpfen. Den Regeln zur Kommasetzung sei Dank. Immer schlimmer wurde ich dabei, weil mich diese Sprache faszinierte. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet erst zu diesem Zeitpunkt darauf kam,
mich mit meiner Muttersprache auseinandersetzen – ich hätte es eher tun sollen. Die Verwendung von Synonymen und Umschreibungen kann aus dem langweiligsten Inhalt eine erheiternde Unterhaltungserzählung machen, und der billigste Text kann mit ein paar Feinheiten zu einer ansehnlichen Publikation werden. Einerseits trug ich so zur Erheiterung meines Freundeskreises bei, andererseits stellt man schnell fest, welche Inspirationsquellen für wirklich gutes Deutsch die einem größten Lieblinge geworden sind: in meinem Fall Gesetzes- sowie Amtstexte und aus dem Lateinischen übersetzte Texte. Erstere erbringen hohe Leistungen im Bereich der Definitionen, letztere beweisen starken Charakter in Erzählung von Geschehnissen.

Die ganze Liebschaft nahm ihren Lauf, und irgendwann passte ich ohne es zu merken meine mündliche Ausdrucksweise an meinen Lieblingsstil an – meine Mitmenschen betrachteten diese als „geschwollen“. Tja, so kann es kommen, wenn man die Möglichkeiten der eigenen Muttersprache etwas weiter ausnutzt. Ich begann, sensibler zu werden, was meine Umwelt anbetrifft – das bedeutet nicht, dass ich Greenpeace beigetreten wäre; meine persönliche Wahrnehmung der Äußerungen anderer veränderte sich zwangsläufig einfach. Typografische Verbrechen und allerlei anderes fiel mir schnell negativ auf – allem voran das „Plenken“, also das Setzen eines Leerzeichens vor dem Satzzeichen. Das übliche „Greifen Sie zu !“ wäre das beste Beispiel für eine schlechte Tat. Nebenbei wäre da noch der Deppenapostroph. Ein Apostroph sollte immer dann gesetzt werden,
wenn ein Buchstabe weggelassen wird – zum Beispiel beim Anzeigen von Besitz. Niemand würde „Lucass Blog“ schreiben, weil das quasi nicht auszusprechen wäre. Da dieses „s“ dort aber eigentlich stehen müsste, deutet man es an – mit einem Apostroph. „Lucas‘ Blog“ wäre also sinnvoller. Wenn Lea aber über ihren Blog schreibt, dann ist es trotzdem „Leas Blog“ – das zugefügte „s“ ermöglicht dem Leser dennoch, die Aussage ohne Zungenakrobatik auszusprechen. Das gilt auch für Vincents Schuppen, Rolfs Auto oder eben mit diesem Sonderfall für Hans‘ Firma. Leider haben das viele noch nicht so recht verstanden oder im Zuge der Sprachvermischung aus dem Englischen übernommen. Wenn ich dann auf einem Werbeplakat Dinge wie „Sonntag´s günstiger“ lesen darf, geht mir die Schädeldecke hoch – zwei Fehler in einem Wort. Warum verwendet man statt dem Apostroph ein Akzentzeichen, und welcher Buchstabe soll hier durch einen Apostroph ersetzt worden sein? Um die Verwirrung zu komplettieren, ein Fall, der beides erlaubt: „gibts schon Essen?“ wäre ebenso korrekt wie „gibt’s schon Essen?“, wenngleich der gemäß Duden-Regel 14 hier entbehrliche Apostroph offenbar häufig Anwendung findet.

So. Genug gedeutscht für heute. Meine prinzipielle Gesellschaftskritik an den Leuten, die zwar Englisch können, aber jeden und alles zuplenken, bleibt aber. Warum denn nicht einfach mal mit unserer Sprache auseinandersetzen? Wer gern den ganzen Tag Englisch sprechen will, der ist meines Erachtens in anderen Ländern besser aufgehoben. Aber die eigene Muttersprache als Verwaltungssprache unter den Tisch zu kehren, das empfinde ich als unhaltbar – keine andere Sprache erlaubt Gesetzesnamen wie das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz oder Isogramme wie die angeblich elementare Heizölrückstoßabdämpfung, wage ich zu behaupten. Und das bin ich nicht bereit, nicht auch als Verwaltungssprache zu akzeptieren. Warum könnte man denn nicht einfach akzeptieren, dass eine Weltsprache eben einfach eine Zweitsprache ist die zur allgemeinen Verständigung genutzt werden kann und soll – aber jedes Land seine eigene Sprache pflegt und nutzt? Schiller würde sicherlich mehrere Umdrehungen pro Minute in seinem Grab ausführen, wenn man die Sprache, in der er seine Werke verfasste, einfach degradieren würde.

Sprechen wir denn nun eigentlich noch wirklich Deutsch? Anhand der vielen „Back-Shops“ und anderer Anglizismen wähne ich mich nicht mehr in der Lage, darauf eine sichere Antwort geben zu können. Ebenso findet auch häufig eine Verwechslung der Grammatik zwischen den in Deutschland wichtigsten Sprachen statt – sonst gäbe es den Deppenapostroph möglicherweise nicht. Umso mehr kann ich aber eines bestätigen: Wenn viele einen Fehler machen, wird er langsam allgemein akzeptiert. Und so ist es leider wirklich.

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