Es ist nahezu jeden Morgen identisch. In der Straßenbahn wird der Kaffee in den Magen befördert, um einen annährenden Wachzustand zu erhalten. Die Blicke der anderen Fahrgäste und der Personen an den Haltestellen spiegeln besser als alles andere den Gefühlszustand der jeweiligen Personen wieder: Morgenstimmung irgendwo in Deutschland um etwa 7:00 Uhr in der Frühe. Mir ergeht es ähnlich; ich kann mich in dieser Gruppierung einreihen, ohne aufzufallen: Kopfhörer, des Deutschen liebstes Koffein-Heißgetränk und ein nichtssagender Gesichtsausdruck. Um in der Bahn nicht wieder einzuschlafen, muss meist die Kategorie „Neue Deutsche Härte“ für einen Wachzustand bis zum Einsetzen der Wirkung des Koffeins sorgen, um dann abgelöst zu werden.

Am Ziel angekommen, wie jeden Morgen freundliche Begrüßungen: man wird angelächelt, es werden Hände geschüttelt. Diese gute Laune ist aber nur von kurzer Dauer und ich möchte sie als „Call-Center-Effekt“ bezeichnen: Freundlich im Umgang mit anderen und beim Verlassen des Sichtfeldes das selbe Gesicht, welches auch in der Lage wäre, eine Scheidung einzureichen. Nein, das ist kein Zustand. Auch wenn ich versuche, mich vom Koffein fernzuhalten, fällt mir dies in den letzten Wochen erheblich schwerer, und damit bin ich nicht allein. Auf allen Gängen lässt sich das beobachten: müde Menschen, freundliche soziale Interaktionen und teilweise ein verkrampft aufgesetztes Lächeln.

Wie bei dem magentafarbenen Riesen, welcher hier sinnbildlich für jeden anderen Call-Center-Betreiber stehen dürfte: Man freut sich über meinen Anruf, ist dankbar für eine Störungsmeldung. Ist man das wirklich? Nein – wer ist schon dankbar für noch mehr Arbeit. Welcher Call-Center-Agent freut sich wirklich, mit Kunden sprechen zu dürfen und deren Probleme aufgeladen zu bekommen? Es gibt schönere Dinge. Genau das ist die Freundlichkeit, die ich aber zugegebenermaßen auch am Telefon erwarte und auch gleichzeitig entgegenbringe. Selbst dem unfreundlichsten Mitarbeiter wird ein „schöner Tag“ gewünscht, ohne dabei einen ironischen Ton anzusetzen, eine Person, die man ewig nicht mehr gesehen hat und eigentlich froh darüber ist, wird mit den Worten „schön Dich wieder mal zu sehen“ begrüßt. Im Gegenzug bekommt man das natürlich auch zurück, allerdings verlässt man diese gespielte Ebene leider nicht mehr, da sich all dies in endlosen Höflichkeiten verliert.

Das Problem, welches hieraus entsteht, liegt auf der Hand: der Unterschied zwischen ernstgemeinter Freude, jemanden wieder an der Strippe zu haben und purer Höflichkeit verschwimmt. Wenn mir früh jemand lächelnd die Hand entgegenstreckt und mir einen guten Morgen wünscht – ist das ernst gemeint? Oder ist das pure Höflichkeit, genau wie der Smalltalk an der Schlange vor der Kasse? Kommt das aus der Kategorie „Freundlichkeit, aber abends Ruhe vor diesem Typen“ oder eher doch aus „Freundlichkeit, weil das von Herzen kommt“? Ich weiß, dass viele meiner morgendlichen Wegbegleiter mit versteinerter Miene auf den Bus warten, aber dann auf einmal gut gelaunt sind. Teils, weil sie nette Leute wiedersehen, teils, weil es Anstand ist. Der obligatorische gute Morgen endet meist in einem schönen Tag, wo dann auch der Heimweg direkt angetreten wird – meist ohne nenneswerte Differenzen zum Gesichtsausdruck acht Stunden zuvor.

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