Es ist Wochenende, ich habe mich um 12 aus dem Bett gequält und die nötigsten Arbeiten verrichtet, die für heute angedacht waren. Als Belohnung dafür genieße ich nun die Flickr-Top-500 des Tages (das sind 500 Fotos, die auf irgendeine Art und Weise jeden Tag aus den zig Fotos des Netzwerkes ausgewählt werden und einfach schön anzusehen), erfreue mich an guter Musik, etwas Schokolade und lese auf heise.de alles mögliche quer. Da mich nun das Themenfeld der Fotografie etwas mehr reizt als das der Autos, war also der logische Schluss, dass „heise Foto“ mehr Beachtung als „heise Autos“ geschenkt werden sollte. Neben einer neuen Kamera von Phase One – einem Hersteller, von dem ich noch nichts gehört habe, und dessen Tab ich bei einem Blick auf das Preissegment auch wieder geschlossen habe – gabs diesmal auch einen Artikel zu den „Werkstattkalendern“ fürs Jahr 2016. Erster Gedanke bei der Überschrift: Pirelli. Leicht bekleidete Frauen, teils mit entsprechender Betonung ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale in Kombination mit den Erzeugnissen eines Reifenherstellers. Ästhetik, fotografische Kunst, Kult.

Aktfotografie? Pornografie? Erotik? Sexismus? Aktfotos, ja. Auf jeden Fall. Pornografie? Nein, meines Erachtens eher nicht. Leider wird schnell die Assoziation von Aktfotografie zu Pornografie gezogen, was aber die künstlerisch anspruchsvolle Aktfotografie in meinen Augen entehrt. Das da dann natürlich ein erotischer Anteil mitschwingt, ist vollkommen klar, wenn man Frauen mit entsprechendem Körperbau in expliziten Posen zeigt. Dennoch handelt es sich ja nicht um sexuelle Tätigkeiten, weshalb Pornografie auf „Werkstattkalender“ seltener zutrifft. Sexismus? Darauf bin ich noch gar nicht gekommen. Das sollte sich aber schnell ändern, denn auf der heise-Seite zu den Werkstattkalendern stand unter dem ersten Abschnitt:

Genderfragen und Ästhetik

In diesem Artikel stellen wir Ihnen exemplarisch Werkstattkalender des Jahres 2016 vor. Bei der Auswahl der Kalender kam es uns darauf an, die künstlerische Bandbreite des Fotogenres abzubilden. Bei Werkstattkalendern ist von ambitionierter Fotokunst bis zum billigen Pin-Up wirklich alles möglich, wir haben bewußt nicht selektiert. In einer Zeit in der Geschlechterrollen extrem kontrovers diskutiert werden, gibt es ohnehin kein Foto, mit dem jeder Betrachter und jede Betrachterin glücklich werden kann. Apropos Betrachterin: Unternehmen wie Berner, Addinol, Förch und Merkle-Schweißtechnik entziehen sich möglichen Gender-Diskussionen elegant, indem sie zwei Kalender parallel produzieren. Und zwar jeweils einen mit männlichen und einen mit weiblichen Models.

Ach so ist das. Ich kann heise nicht vorwerfen, dass da im ersten Teil dieses Textes irgendwas nicht stimmt. Als Leser eines Fotomagazins erwarte ich „die künstlerische Bandbreite des Fotogenres“ – was ja auch geliefert wird: reichlich Kalenderblätter von diversen Marken. Auch die folgende Aussage, dass es da Welten gibt, ist soweit unproblematisch. Umso sympathischer, dass hier keine Vorauswahl getroffen wurde, und ich mir mein Bild selbst machen kann. Jetzt folgt aber eine Aussage, die stutzig macht: Geschlechterrollen werden extrem kontrovers diskutiert. Ich weiß nicht, wo und bei wem, aber von diesen Diskussionen laufen meiner Ansicht nach immer mehr in die Richtung, dass Frauen sich selbst grundsätzlich als benachteiligtes Geschlecht darstellen, und genug Männer dann nicht Mann genug sind, hinter den Versuchen der angeblichen „Gleichstellung“ den Versuch zu erkennen, Gleichberechtigung zu untergraben. Es folgt das Totschlagargument „Sexismus“, „jahrelange Frauenbenachteiligung“ und dergleichen, wodurch es leider oft unmöglich gemacht wird, ernsthafte, sachliche und kontroverse Diskussionen über dieses Thema zu führen. Aber das sollte ein anderes Thema sein, das nur am Rande mit Pin-up-Kalendern zu tun hat.

Nun war es nahezu obligatorisch, jeden Betrachter und jede Betrachterin zu nennen – mit einem generischen Maskulinum könnte sich eine Frau vor den Kopf gestoßen fühlen. Trotz Recherche in meinem persönlichen Umfeld gelang es mir nicht, im Freundes- und Bekanntenkreis eine Frau ausfindig zu machen, die tatsächlich große Probleme mit dem generischen Maskulinum hegt; jahrelang funktionierte das auch ohne Doppelnennung, die Mehraufwand für Leser und Autor bedeutet. Glücklicherweise ist die Lösung für ein nicht näher genanntes Problem da: es gibt von diversen Herstellern nun nicht nur leicht bekleidete Frauen, sondern ebenso in wenig Stoff gehüllte Männer auf Hochglanzpapier für die Wand. Eine Entwicklung, die ich nicht ablehnen möchte, sie aber dennoch nicht als großartigen Schritt bezeichnen würde – ich kann an halbnackten Männern einfach keine erotischen Wirkungen feststellen, unabhängig von Tageszeit, Blutalkoholpegel und Bekanntheitsgrad der maskulinen Gestalt vor dem Objektiv. Sollte sich dafür aber ein Absatz finden, dann ist das für den Verkäufer großartig.

Was mich daran stört: es wird im vorauseilenden Gehorsam Mehraufwand betrieben, um einer Art dauer-geäußerten Forderung von einer kleinen, angeblich dauerdiskriminierten Gruppe von Feministen nachzukommen. Wo war denn bisher die begründete, nennenswerte Beschwerde über Sexismus in Pirelli-Kalendern von einer „breiten Masse“ an Frauen? Und selbst wenn es da nennenswerte Interventionen in dieser Richtung gab – die dann an meiner geistigen Firewall vorbeigezogen sein müssen, was ich nicht ausschließen mag – wo ist die Beschwerde der Männer über die Kalender mit Männern? Nackte Frauen, die so aussehen, wie sie aussehen – wo ist das Problem? Kann eine vervielfältigte Frau, die für eine gestellte Fotografie gedruckt wird, ein Symbol der Unterdrückung sein? Welche Frau ließ sich in einem solchen Kalender abdrucken, um sich anschließend zu beschweren, wie sexistisch derartige Werke seien? Es ist die freie Entscheidung dieser Frauen, sich fotografieren zu lassen. Das gilt für alle Pin-up-Kalender, gleich ob von namhaften Herstellern oder nicht – abgesehen von kriminellen Handlungen, die ich aber bei den „großen Spielern“ nicht vermute.

Trotz Recherche konnte ich keinen nennenswerten „Aufschrei“ finden, der sich über diese Kalender aufgeregt hat. Sollte ein Leser hier einen Link für mich haben, freue ich mich über eine Mail und/oder einen Kommentar dazu.

Fassen wir zusammen: Verlage sind nun offenbar schon genötigt, ihrer Berichterstattung eine Art Schuldfreisprechung zuzufügen, damit sich niemand wegen einer Tatsachenbeschreibung auf die Füße getreten fühlt. Nun mag es sein, dass auch die Meinung des Autors hierzu mit in den Artikel eingeflossen ist, dennoch scheint ein Bericht über die Existenz dieser Kalender ausreichend zu sein, um „sexistische“ Äußerungen zu tätigen. Werden als neue Strategie vielleicht demnächst Männer und Frauen in diesen Kalendern gemischt? Nicht auszuschließen, dass dann die Arbeitsmoral der Werkstattmitarbeiter in den „Männer-Monaten“ erheblich sinkt.

Immerhin hat Pirelli voreilig gleich einmal ein Deeskalationskonzept in den Ring geworfen: Laut Spiegel zeigt der neue 2016er-Kalender nun „mollige Frauen, alte Frauen und angezogene Frauen“ – Ich kann mir die Freude der Werkstättler förmlich vorstellen, wenn die anderen Firmen mit den leichter erhältlichen Kalendern nachziehen sollten. Schrauben mit Oma, Sägen unter Aufsicht einer vierfachen Mutter. Es ist ja nichts gegen diese Leute als Menschen einzuwenden, aber in einem erotischen Kalender sollten vielleicht auch erotische Fotos zu finden sein?

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